Anmerkung zu 47. Kap./4* („Physiologischer“ Orgasmus als Ideal) — Frauen haben keine Erektionsstörungen

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Beim Aufräumen meines früheren Arbeitszimmers fiel mir ein Zettel in die Hand: Vor etwa 15 Jahren las ich im Antrag zu einer Arzneimittelstudie eine witzige Formulierung. Im Fragebogen zu einem Forschungsprojekt (“Klinische multizentrische Studie zur Erhebung der Lebensqualität und Krankheitskosten bei der Parkinson-Krankheit in Europa”) war unter Punkt 9.19 Erektionsstörungen gefragt:

Kreuzen Sie “ja” im Falle subjektiver Beschwerden.

Anworten Sie “nein” bei weiblichen Patienten.

Wer denkt sich solche Fragen aus?

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Meine alte Bleistiftnotiz

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Anmerkung zu 49. Kap./7 * (Karezza für die Sexualreform) — Karezza in Gesundheitsratgebern heute

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Das Thema „Karezza“ taucht heute in der in der Literaturgattung der Gesundheitsratgeber punktuell auf und spielt auf dem Feld des alternativen Gesundheitsmarkts eine gewisse Rolle. Hier interessieren sich Naturheilpraktiker sowie mehr oder weniger esoterische Psychotherapeuten für diese Sexualpraktik, während sie in Sexualwissenschaft und Sexualmedizin nach wie vor außer Betracht bleibt. Als Beispiel sei hier eine kleine Schrift der „Heilpraktikerin für Psychotherapie“ Carmen Reiss genannt: „Biologie I − Die Biologie der Trennung. Warum wir uns entlieben und wie man verliebt bleibt“ (Noderstedt: Books on demand, 2011). Die praktischen Ratschläge sind schön und gut, ihre wissenschaftliche Legitimierung durch die auch auf Tierversuchen beruhenden „neuesten“ Forschungsergebnisse der Neurowissenschaft und Biochemie (Dopamin; Oxytocin) Immunbiologie ist nicht zwingend notwendig (und wissenschaftstheoretisch sicher naiv). Die historische Rückbesinnung auf die Karezza-Methode und ihre ideengeschichtlichen Wurzeln fehlt, sehen wir einmal ab von den Zitaten aus William Lloyds „Karezza-Liebe“ (1930) und die Berufung auf die rezente Schrift von Marnia Robinson „Das Gift an Amors Pfeil“. In ihrer praktischen Stoßrichtung allerdings wird Carmen Reiss der dem Kern der Karezza-Idee tatsächlich gerecht. Merkwürdig nur, dass diese so wenig in der medizinischen bzw. psychologischen Fachliteratur, in der Belletristik oder auch in den Main Stream Medien (MSM) diskutiert wird.

Anmerkung zu 45. Kap./6 * (Hierosgamos in der Moderne) — Camus’ “Ehebrecherin”

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Iris Radis bemerkt zur sexuell empfundenen unio mystica mit der Natur, wie sie Albert Camus in der Erzählung “Die Ehebrecherin” beschreibt:

“Sie liegt rücklings auf der Erde, […] während der Himmel sich über sie breitet wie ein sanfter Liebhaber — der einzige Sexualakt im gesamten  Œuvre Camus’ vollzieht sich zwischen einer verheirateten Frau und dem Himmel über der Wüste. Anschließend legt ‘die Ehebrecherin’ sich wieder zu ihrem Mann und weint über das Leben, für das sie sich ‘zu dick, zu groß und zu weiß’ fühlt. Die Wüste gehört den Nomaden, nicht den französischen Ehefrauen.” 

Iris Radis: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 2014, S. 300.

Anmerkung vom 28.01.2018:

Paulo Coelho thematisiert in seinem Roman Elf Minuten (Zürich: Diogenes Verlag, 2003) die Kluft zwischen Sexualität und Liebe. Die Romanheldin Maria, eine junge Brasilianerin, arbeitet als Prostiutierte in der Schweiz. Sie erlebt beim Geschlechtsverkehr mit ihren Freiern keinen Orgasmus, bis sie sich schließlich in einen Schweizer Künstler verliebt, der in ihr das “innere Licht” sieht und sich seinerseits in sie verliebt. Kurzum: Es kommte zum Happy End. Die Liebe erweist sich darin, dass Maria Orgasmen mit ihrem Liebhaber erlebt, einmal sogar in seiner Abwesenheit, als sie nur an ihn denkt:

Sie dachte an Ralf, spürt wieder sein Begehren im Hotelzimmer, als sie nur ihren Oberkörper entblößt hatte, fühlte, wie seine Hände ihre Brüste,  ihr Geschlecht, ihr Gesicht berührten, und wurde naß. Sie blickte auf die riesige Wassersäule im See und hatte an Ort und Stelle, vor allen Leuten und ohne sich zu berühren, einen Orgasmus.

Niemand bemerkte es, dazu waren alle viel zu beschäftigt.

Bei Camus wie bei Coelho ist das Thema “Hierogamos” angeschnitten, bei Letzterem sogar in aller Ausführlichkeit. Beide behandeln das Thema recht unterschiedlich: Camus sieht die kosmische Dimension, Coelho verbleibt auf der interpersonellen, menschlichen Ebene. In einem Punkt sind sie sich jedoch ähnlich: Sie schätzen den  Orgasmus als Ausdruck einer unio mystica ein. Die Relativierung des Orgasmus durch bestimmte Sexualpraktiken wie die Karezza-Methode liegt offenbar außerhalb des Gesichtskreises der Autoren. Dies erstaunt vor allem bei Coelho, dem alchemistische und esoterische Stoffe sehr vertraut sind.