Anmerkung zu 43. Kap./1 * (Das „innere Licht“) — Lichtmetaphorik bei Leo Tolstoi

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

In der Erzählung Die Kreutzersonate [1]

erläutert Tolstoi durch den Mund der Hauptfigur den Unterschied zwischen  einem äußerlichen Gesetz, einer äußerlichen Glaubenslehre und der Lehre Christi.

“Wer das äußerliche Gesetz bekennt, ist wie ein Mensch, der im Licht einer an einem Pfeiler aufgehängten Leuchte steht. Er steht im Licht dieser Leuchte, um ihn ist es hell, und er braucht nicht weiter zu gehen. Wer sich zu Christi Lehre bekennt, gleicht einem Menschen, der auf einer mehr oder minder langen Stange eine Leuchte vor sich herträgt. Das Licht ist immer vor ihm und vernlaßt ihn immer, ihm zu folgen, und zeigt ihm immer wieder eine neue, verlockende beleuchtete Fläche.” (S. 214)

Der Philosoph mit der Laterne, der sich auf die Suche macht, ist seit der Antike ein bekanntes Motiv. Es taucht auch in der Naturphilosophie der frühen Neuzeit auf, etwa in dem Kupferstich von Matthäus Merian, wo zwei Naturforscher (“Philosophen”) mit Hilfe von Laternen den Fußstapfen der Natura folgen — siehe Header meines Magic of Nature Blogs mit den entsprechenden Quellenangaben (Button unterhalb des Header-Bildes neben “Home” anklicken).   

“Der Unterschied zwischen der Lehre des Christentums und allen andern Glaubenslehren” (S. 214 f.):

“Der Pharisäer dankt Gott dafür, daß er alles erfüllt hat. […] Der Bekenner des Gesetzes Christi ist immer in der Lage des Zöllners. Er fühlt sich immer unvollkommen, denn er sieht die Strecke hinter sich nicht, die er zurückgelegt hat, sondern stets den Weg vor sich, den er zu gehen und den er noch nicht zurückgelegt hat.

[…] ein Unterschied, der nicht in der Verschiedenheit der Forderungen, sondern in der Verschiedenheit der Art bei der Anleitung des Menschen besteht. Christu shat keinerlei Lebensvorschriften gegeben, er nie irgendwleche Einrichtungen begründet, er hat auch nicht die Ehe eingesetzt.”

[1] In: Leo N. Tolstoi: die Erzählungen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel von Barbara Conrad. Band II. Späte Erzählungen 1886-1910. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2001; S. 115-222.

 

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Anmerkung zu 49. Kap./7* (Karezza für die Sexualreform) — Tolstoi über das sexuelle Elend

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Kürzlich las ich Die Kreutzersonate, eine Erzählung von Leo Tolstoi. Seine schonungslose Darstellung des sexuellen Elends hat mich fasziniert, kein Wunder, dass er mit der zaristischen Zensur Probleme bekam.

Erst allmählich wird mir bewusst, wie wichtig Tolstoi für den gesellschaftskritischen Diskurs nicht nur in Russland, sondern weltweit war — an der Schnittstelle von Lebensreform- und Naturheilbewegung, Frauenemanzipation und Sexualreform, Pazifismus und den Bestrebungen, christliche Spritualität zu erneuern. So verwundert die Freundschaft zwischen der Frauenärztin Alice B. Stockham aus Chicago, die für eine Ehe- und Sexualreform eintrat, und dem auf seinem russischen Gut lebenden Schriftsteller Tolstoi nicht.

Im Folgenden einige Zitate aus

Die Kreutzersonate.

In: Leo N. Tolstoi: Die Erzählungen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel von Barbara Conrad. Band II. Späte Erzählungen 1886-1910. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2001; S. 115-222.

Posdnyschew, der Erzähler in der Erzählung, der seine Frau aus Eifersucht umgebracht hat, schildert im 13. Kapitel (S. 150 f.) den Hass zwischen den Eheleuten, der aus einem verfehlten Sexualleben entsprungen ist:

“Das Widerwärtige liegt ja darin […], daß die Liebe in der Theorie etwas Ideales, Erhabenes ist, inder Wirklichkeit aber ist die Liebe etwas Abscheuliches und Schweinisches, das man ohne Abscheu und Scham weder erwähnen noch denken kann.  […] Die Leute aber tun im Gegenteil so, als ob das Ekelhafte und Beschämende sehr schön und erhaben [150] sei. Was waren die ersten Anzeichen meiner Liebe? Daß ich mich einem tierischen Überfluß an körperlicher Kraft hingab, dessen ich mich nicht nur nicht schämte, sondern auf den ich aus irgendeinem Grund noch stolz war; dabei dachte ich nicht im geringstn weder an ihr geistiges noch an ihr körperliches Leben. Ich wunderte mich, woraus unsere Erbitterung gegeneinander entstanden war, und doch lag der Fall vollständig klar. Diese Erbitterung war nichts anderes als eine Auflehnung der menschlichen Natur gegen das Tierische, das sie erdrückt hatte.”

Tolstoi bezeichnet den ungezügelten Geschlechtsverkehr ohne Rücksicht auf Konzeption und Schwangerschaft als ein Verbrechen. Er fährt fort:

Ich habe mich über unsere gegenseitige Feindseligkeit gewundert, aber es konnte gar nicht anders sein. Diese Feinseligkeit war nichts anderes als der Haß, den Teilnehmer an einem Verbrechen gegeneinander empfinden, sowohl wegen der Verleitung als wegen der Mitschuld am Verbrechen. Und war es denn kein Verbrechen, wenn die Arme schon im ersten Monat schwanger wurde und unser unsauberes Verhältnis dennoch fortdauerte? […] Vor Gericht wurde ich gefragt, wie und womit ich meine Frau getötet habe. Die Narren! Sie denken, ich hätte sie damals, am fünften Oktober, mit dem Messer ermordet. Nicht damals habe ich sie ermordet; sondern viel früher. Genauso wie sie alle, alle jetzt morden…”

Tolstoi klagt die gesundheitsschädigende sexuelle Überforderung der Frau durch den Mann (in der Ehe) an, welche die “Naturgesetze” verletze:

“Die Frau muß, entgegen ihrer Natur, zugleich Schwangere und Geliebte, Amme und Geliebte sein; kein Tier läßt sich zu dergleichen herbei. Natürlich übersteigt das ihre Kräfte. Und daher haben wir in unseren Kreisen die Hysterie und die Nervenleiden und im Bauernstand die Fallsucht. Sie werden bemerken, daß die Fallsucht bei Bauernmädchen nicht vorkommt, nur bei Bauernfrauen, und zwar bei solchen, die mit den Männern leben. So ist es bie uns. Ganz ebenso ist es im übrigen Europa.”

Affenartiges Treiben als Liebe verstanden (S.152):

“Die Tiere paaren sich nur dann, wenn sie Nachkommenschaft erzeugen können, der unflätige Herr der Schöpfung dagegen — immerwährend, nur um seines Vergnügens willen. Und was richtet er im Namen dieser Liebe, das heißt seiner Gemeinheit, zugrunde? Die Hälfte des Menschengeschlechts. Aus allen Frauen, die an dem Streben der Menschheit nach Wahrheit und Glück mitarbeiten sollten, macht er um seines Vergnügens willen nicht Gehilfinnen, sondern Feindinnen. Sehen Sie doch, was den Fortschritt der Menschheit hemmt: die Frauen. Und weshalb sind sie so? Nur aus dem genannten Grund.”

Tolstoi zur “Emanzipation der Frau” — Knechtschaft trotz Gleichstellung (S. 154):

Die Knechtschaft der Frau besteht ja nur darin, daß die Männer sie als Genußmittel brauchen wollen und das als etwas sehr gutes ansehen. Nun, und da befreit man die Frau, erteilt ihr allerlei Rechte, die sie den Männern gleichstellen, aber man fährt fort, sie als Genußmittel zu betrachten und erzieht sie dementsprechend, sowohl in der Kindheit als auch durch die öffentliche Meinung. Und sie bleibt immer dieselbe niedrige, ausschweifende Sklavin und der Mann derselbe ausschweifende Sklavenhalter.”

Tolstois Lob der Jungfräulichkeit als rettendes Ideal (S. 154):

“Es kann nur dann anders werden, wenn die Frau den Zustand der Jungfräulichkeit als den höchsten anzusehen lernt, während sie diesen höchsten Zustand des Menschen jetzt als Schande und Schmach empfindet. Solange das nicht der Fall ist, bleibt das Ideal jedes Mädchens, gleichviel welche Erzeihung es genossen hat, doch nur das, möglichst viele Männer anzulocken, möglichst viele Männchen, um die Möglichkeit der Auswahl zu haben.”

Die unheilbare Ehehölle (S. 164):

“So […] waren wir zwei an dieselbe Kette geschmiedete Sträflinge, die einander haßten, sich das Leben vergifteten und sich bemühten, dies nicht zu sehen. Ich wußte damals noch nicht, daß neunundneunzig vom Hundert aller Ehegatten in genau derselben Hölle leben wie wir und daß es nicht anders sein kann.”

Die Eifersucht macht hellsichtig: Ein “elektrischer Strom” zwischen dem Geiger und der Ehefrau (S. 175):

“Ich sah, daß ihre Augen vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an einen besonderen Glanz bekamen, und infolge meiner Eifersucht stellte ich sogleich fest, daß zwischen ihm und ihr so etwas wie ein elektrischer Strom entstanden war, der bei beiden denselben Gesichtsausdruck und dasselbe Lächeln hervorrief.”