Anmerkung zu 43. Kap./1 * (Das „innere Licht“) Simone Weil, Albert Camus — Heilige in einer unheilen Welt

Dieser Beitrag bezieht sich u. a. auf meinen Magic of Nature Blog. In Albert Camus’ Roman “Die Pest” stellt Tarrou die Frage, ob man ohne Gott ein Heiliger sein könne:

– En somme, dit Tarrou avec simplicité, ce qui m’intéresse, c’est de savoir comment on devient un saint.

– Mais vous ne croyez pas en Dieu.

– Justement. Peut-on être un saint sans Dieu, c’est le seul problème concret que je connaisse aujourd’hui.

Albert Camus: La Peste (1947)

Quelle: Ebooks libre et gratuite (p. 257)

Simone Weil, die unbeugsame Kämpferin gegen poIitische Ideologien und totalitäre Machtapparate, wurde vor allem von Albert Camus entdeckt. Er gab in den 1950er Jahren ihre Werke heraus, insbesondere L’Enracinement (1949) (dt.: Die Einwurzelung, 1956). Sie war für ihn “der einzig große Geist in unserer Zeit”, die wichtigste Zeugin der Wahrheit, die keine faulen Kompromisse einging und auch in der Emigration vor Nazi-Deutschland gegen den stalinistischen Terror protestierte und überhaupt vor allen politischen Parteien warnte. Weitere Ausführungen zu Simone Weils Werk in meinem Magic of Nature Blog.

Simone Weil, je le sais encore maintenant, est le seul grand esprit de notre temps et je souhaite que ceux qui le reconnaissent en reçoivent assez de modestie pour ne pas essayer d’annexer ce témoignage bouleversant.

Albert Camus in einem Brief an die Mutter von Simone Weil (1951)

Quelle: http://simoneweil.net/lesautres.htm

Vielleicht kann man beide, Camus und Weil, als Heilige in einer unheilen Welt bezeichnen – kühn und unbestechlich in ihrem Urteil, wahrhaftig in ihrem Handeln, niemals ihr “inneres Licht” verratend, schnörkellos für das menschliche Maß und das göttliche Licht eintretend. Die Heiligen sind auch in einer unheilen Welt, in der wir nach wie vor leben, nicht ausgestorben! Machen wir uns auf die Suche nach ihnen: Wer sie findet und erkennt, kann sich glücklich schätzen.

PS.

Als ich heute, am 9. Juni 2015, in einer großen Buchhandlung an meinem Ferienort nachfragte, ob irgendeine Schrift von Weil oder Camus vorhanden sei, verneinte man das mit Bedauern. Man sagte mir, das sei “alte Literatur”. Bücher, die innerhalb von sechs Monaten nicht verkauft seien, gingen zurück zum Großhändler. Zufällig wird also kein Feriengast hier auf Schriften unserer “Heiligen” stoßen …

Siehe hierzu auch den Blog-Beitrag zu Franz Werfels Roman “Das Lied der Bernadette”, der aufgrund eines Gelübdes in Lourdes verfasst wurde.

Zusatz vom 4.02.2016

Hier sei noch auf die Studie des Medizinhistorikers Thomas Müller hingewiesen, in der er die Besonderheit von Camus’ politischer Einstellung hervorhob, gerade im Hinblick auf Sartre. So habe er dessen “‘Blindheit’ gegenüber den stalinistischen Verbrechen oder der Rolle Sowjetrusslands im Spanischen Bürgerkrieg” kritisiert. 

Thomas Müller: Albert Camus. Lebenskunst als pragmatische Handlungsanweisung. In: Lebenskunst im 20. Jahrhundert. Stimmen von Philosophen, Künstlern und Therapeuten. Hg. Von Günter Gödde u. Jörg Zirfas. Paderborn. Wilhelm Fink, 2014. 17 Seiten.

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Anmerkung zu 45. Kap./6 * (Hierosgamos in der Moderne) — Camus’ “Ehebrecherin”

Dieser Beitrag bezieht sich auf meinen Magic of Nature Blog.

Iris Radis bemerkt zur sexuell empfundenen unio mystica mit der Natur, wie sie Albert Camus in der Erzählung “Die Ehebrecherin” beschreibt:

“Sie liegt rücklings auf der Erde, […] während der Himmel sich über sie breitet wie ein sanfter Liebhaber — der einzige Sexualakt im gesamten  Œuvre Camus’ vollzieht sich zwischen einer verheirateten Frau und dem Himmel über der Wüste. Anschließend legt ‘die Ehebrecherin’ sich wieder zu ihrem Mann und weint über das Leben, für das sie sich ‘zu dick, zu groß und zu weiß’ fühlt. Die Wüste gehört den Nomaden, nicht den französischen Ehefrauen.” 

Iris Radis: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 2014, S. 300.

Anmerkung vom 28.01.2018:

Paulo Coelho thematisiert in seinem Roman Elf Minuten (Zürich: Diogenes Verlag, 2003) die Kluft zwischen Sexualität und Liebe. Die Romanheldin Maria, eine junge Brasilianerin, arbeitet als Prostiutierte in der Schweiz. Sie erlebt beim Geschlechtsverkehr mit ihren Freiern keinen Orgasmus, bis sie sich schließlich in einen Schweizer Künstler verliebt, der in ihr das “innere Licht” sieht und sich seinerseits in sie verliebt. Kurzum: Es kommte zum Happy End. Die Liebe erweist sich darin, dass Maria Orgasmen mit ihrem Liebhaber erlebt, einmal sogar in seiner Abwesenheit, als sie nur an ihn denkt:

Sie dachte an Ralf, spürt wieder sein Begehren im Hotelzimmer, als sie nur ihren Oberkörper entblößt hatte, fühlte, wie seine Hände ihre Brüste,  ihr Geschlecht, ihr Gesicht berührten, und wurde naß. Sie blickte auf die riesige Wassersäule im See und hatte an Ort und Stelle, vor allen Leuten und ohne sich zu berühren, einen Orgasmus.

Niemand bemerkte es, dazu waren alle viel zu beschäftigt.

Bei Camus wie bei Coelho ist das Thema “Hierogamos” angeschnitten, bei Letzterem sogar in aller Ausführlichkeit. Beide behandeln das Thema recht unterschiedlich: Camus sieht die kosmische Dimension, Coelho verbleibt auf der interpersonellen, menschlichen Ebene. In einem Punkt sind sie sich jedoch ähnlich: Sie schätzen den  Orgasmus als Ausdruck einer unio mystica ein. Die Relativierung des Orgasmus durch bestimmte Sexualpraktiken wie die Karezza-Methode liegt offenbar außerhalb des Gesichtskreises der Autoren. Dies erstaunt vor allem bei Coelho, dem alchemistische und esoterische Stoffe sehr vertraut sind.