Anmerkung zu 40.Kap./2* (Menschliche Madonna) — Die angeblich “wilde Frau” von Anita Albus

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Am 8. August 2017 besuchte ich die Kieler Kunsthalle. Dort sah ich mir die sehr eindrucksvolle Sonderausstellung “Anita Albus: Die Kunst zu sehen” an. Ein Bild viel mir besonders auf: Eine Illustration zu ihrem Buch

Eia popeia et cetera, Eine Sammlung alter Wiegenlieder aus dem Volk, Mit eingeklebten Bildtafeln (Ialienisch), Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1978

in der Ausstellung als “wilde Frau” bezeichnet. Im Folgenden das betreffende Bildzitat:

wilde frau.jpg

Ein Buchillustration von Anita Albus

Ich weiß nichts über die Entstehung dieses Bildes, ganz sicher hat sich die Künstlerin von bestimmten (traditionellen) Vorbildern anregen lassen. Die Bezeichnung “wilde Frau” ist irreführend. Denn hier wird — wissenschaftshistorisch betrachtet — die Göttin Natura mit der Gottesmutter Maria (Madonna) verschmolzen. Die nackte Frau hat nichts mit “Wildheit” zu tun, sondern mit der Personifikation der Natur als weibliches Wesen, inmitten der irdischen Welt  mit ihren Tieren und Pflanzen. Sie sitzt vor der göttlichen Sonne, die sich im Wasser spiegelt, wobei die Sonne interessanterweise tiefer steht als der Kopf der Frau. Über den emblematischen Gehalt des Bildes ließe sich wahrscheinlich noch einiges mehr herausfinden.

Advertisements

Anmerkung zu 24. Kap./2 * („Heilsame Krisen“ durch magnetische „Mittheilung“) — Mitteilung des Lebensfeuers in einer Erzählung von Tolstoi

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Kürzlich las ich Leo Tolstois Erzählung “Herr und Knecht” (1895). Eine Stelle hat mich besonders an unsere Thematik erinnert: Dort, wo sich während eines Schneesturms der egozentrische Herr entschließt, seinen Knecht vor dem Erfrieren zu retten, indem er ihn mit seinem eigenen Körper bedeckt und sich somit für ihn opfert.

“Nachdem er den ganzen Schnee hinausgeworfen hatte, band er hastig den Gürtel ab, machte den Pelz auf, gab Nikita [dem Knecht] einen Schub und legte sich auf ihn, indem er ihn nicht nur mit seinem Pelz, sondern mit seinem ganzen warmen, erhitzten Körper zudeckte. Mit den Händen stopfte er die Schöße des Pelzes zwischen die Schlittenwand und Nikita und hielt die Enden mit den Knien fest. So lag er auf dem Bauch da […].”

“Er weiß, daß dies der Tod ist, aber das macht ihm das Herz nicht schwer. Er denkt daran, daß Nikita unter ihm liegt, daß er warm ist und lebendig, und ihm scheint, als sei er Nikita und Nikita er, und als befände sich sein Leben nicht in ihm, sondern in Nikita.”

Aus: Leo Tolstoi: Herr und Knecht (1895), in: Leo N. Tolstoi: Die Erzählungen. Neu hg. von Barbara Conrad. Bd. 2. Düsseldorf; Zürich: Artemis & Winkler, 2001, S. 275-332; hier S. 326 f. bzw. S. 329.

 

 

 

Anmerkung zu 43. Kap./1 * (Das „innere Licht“) — Lichtmetaphorik bei Leo Tolstoi

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

In der Erzählung Die Kreutzersonate [1]

erläutert Tolstoi durch den Mund der Hauptfigur den Unterschied zwischen  einem äußerlichen Gesetz, einer äußerlichen Glaubenslehre und der Lehre Christi.

“Wer das äußerliche Gesetz bekennt, ist wie ein Mensch, der im Licht einer an einem Pfeiler aufgehängten Leuchte steht. Er steht im Licht dieser Leuchte, um ihn ist es hell, und er braucht nicht weiter zu gehen. Wer sich zu Christi Lehre bekennt, gleicht einem Menschen, der auf einer mehr oder minder langen Stange eine Leuchte vor sich herträgt. Das Licht ist immer vor ihm und vernlaßt ihn immer, ihm zu folgen, und zeigt ihm immer wieder eine neue, verlockende beleuchtete Fläche.” (S. 214)

Der Philosoph mit der Laterne, der sich auf die Suche macht, ist seit der Antike ein bekanntes Motiv. Es taucht auch in der Naturphilosophie der frühen Neuzeit auf, etwa in dem Kupferstich von Matthäus Merian, wo zwei Naturforscher (“Philosophen”) mit Hilfe von Laternen den Fußstapfen der Natura folgen — siehe Header meines Magic of Nature Blogs mit den entsprechenden Quellenangaben (Button unterhalb des Header-Bildes neben “Home” anklicken).   

“Der Unterschied zwischen der Lehre des Christentums und allen andern Glaubenslehren” (S. 214 f.):

“Der Pharisäer dankt Gott dafür, daß er alles erfüllt hat. […] Der Bekenner des Gesetzes Christi ist immer in der Lage des Zöllners. Er fühlt sich immer unvollkommen, denn er sieht die Strecke hinter sich nicht, die er zurückgelegt hat, sondern stets den Weg vor sich, den er zu gehen und den er noch nicht zurückgelegt hat.

[…] ein Unterschied, der nicht in der Verschiedenheit der Forderungen, sondern in der Verschiedenheit der Art bei der Anleitung des Menschen besteht. Christu shat keinerlei Lebensvorschriften gegeben, er nie irgendwleche Einrichtungen begründet, er hat auch nicht die Ehe eingesetzt.”

[1] In: Leo N. Tolstoi: die Erzählungen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel von Barbara Conrad. Band II. Späte Erzählungen 1886-1910. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2001; S. 115-222.

 

Anmerkung zu 7. Kap./2 * (Psychologisierung „magischen Denkens“) — Der Arzt Albert Schweitzer

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog

2015 erschien in der Schriftenreihe Medizin und Kulturwissenschaft Bonner Beiträge zur Geschichte, Anthropologie und Ethik der Medizin (Hg. von Walter Bruchhausen und Heinz Schott) als Band 10 die biografische Studie von Isgard Ohls: “Der Arzt Albert Schweitzer”. 

9783847104919.jpg

Hierzu hat Ernst Luther aus Halle (Saale) eine ausführliche Rezension verfasst.

Anmerkung zu 49. Kap./7* (Karezza für die Sexualreform) — Was heißt Karezza?

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Matthias Wendt (nach der Selbstbeschreibung geb. 1966, sozialwissenschaftliches Studium), der Herausgeber des 1998 erschienenen Reprints von Stockham’s “Karezza” (dt.), liefert in seinem kurzen Nachwort eine treffende Umschreibung des Karezza-Begriffs (Zitat grammatikalisch leicht korrigiert): 

“Karezza ist ohne Furcht und Gier,

ist eine verstehende, liebkosende Berührung

im Geistigen, Seelischen und Körperlichen.”

 

Anmerkung zu 36. Kap./3 * (Natura als Lehrerin) — Natura als Schifferin

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Moritz von Schwind hat in seinem Gemälde “Die Schifferin” (Baronin Marie von Spaun am Gmundner See) von 1851 eine für unsere Thematik interessante Bildkomposition geschaffen: Eine majestätisceh Frau mit angedeutetem Heiligenschein, aufrecht in einem Kahn stehend, der sich dem Betrachter gegenüber anzunähern scheint, unter leuchtenden Wolken, über ein (im Mondlicht?) glitzerndes Gewässer  übersetzend. Die Frau könnte man als personifizierte Natura verstehen, die zwischen Himmlischem und Irdischem steht und den Menschen einlädt, in ihr Boot einzusteigen.

schwind schifferin.jpg

Moritz von Schwind: Die Schifferin (1851)

 

 

Anmerkung zum 27. Kap./4 * (Gottvertrauen und Amulette als Schutz) — Therpeutisches Amulett

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Der Zürcher Medizin- und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat diese Episode um Justinus Kerners Anwendung des Amuletts in seiner ärzlichen Praxis in einem lesenswerten kurzen Essay dargestellt:

Michael Hagner: Therapeutisches Amulett. In: Heilen — Gesunden. Das andere Arzneibuch. Festerhschrift zum 60. Geburtstag von Gerd Folkers. Hg. von Elvan Kut und Martin Schmid in Zusammenarbeit mit W.I.R.R. Zürich: Collegium Helveticum, 2013; S. 127-129.