Anmerkung zu 49. Kap./7* (Karezza für die Sexualreform) — Alice B Stockham: KAREZZA. Ethics of Marriage. Edited by Heinz Schott (2017)

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

51sV3hrhHRL.jpg

BoD – Books on Demand / auch als E-Book

Anmerkung vom 9.05.2017

JUST PUBLISHED — gerade erschienen:

siehe Amazon

siehe BoD – Books on Demand.

The reprint of the second edition (Chicago 1903) with an Epilogue of the editor will be published soon. Here is the cover.

Dok1-page-001.jpg

Publisher: BoD — Books on Demand

Text of the back cover:

Alice B. Stockham (1833-1912) was a gynecologist from Chicago, an enthusiastic fighter for a marital and sexual reform. She was also engaged in charity and interested in spiritual topics. She took “Karezza” from the Italian term “carezza” meaning petting or gentle stroking. Because of birth control as well as “spiritual exaltation” she pled for a radical change of sexual behavior. She was convinced, that there was a tremendous difference between the usual copulation ending with orgasm respectively ejaculation and the Karezza method of sexual merging without climax. In spite of the “sexual revolutions” during the 20th century her Karezza concept has been generally ignored until today.

Heinz Schott is an emeritus professor of the history of medicine at the University of Bonn (Germany)

Other BoD publications of the editor (in German):

— Himmel oder Hölle: Ansichten zur menschlichen  Sexualität (2017)

—  Fluidum: Magische Momente des Mesmerismus (2017)

 

Anmerkung zu 49. Kap./7* (Karezza für die Sexualreform) — Tolstoi über das sexuelle Elend

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Kürzlich las ich Die Kreutzersonate, eine Erzählung von Leo Tolstoi. Seine schonungslose Darstellung des sexuellen Elends hat mich fasziniert, kein Wunder, dass er mit der zaristischen Zensur Probleme bekam.

Erst allmählich wird mir bewusst, wie wichtig Tolstoi für den gesellschaftskritischen Diskurs nicht nur in Russland, sondern weltweit war — an der Schnittstelle von Lebensreform- und Naturheilbewegung, Frauenemanzipation und Sexualreform, Pazifismus und den Bestrebungen, christliche Spritualität zu erneuern. So verwundert die Freundschaft zwischen der Frauenärztin Alice B. Stockham aus Chicago, die für eine Ehe- und Sexualreform eintrat, und dem auf seinem russischen Gut lebenden Schriftsteller Tolstoi nicht.

Im Folgenden einige Zitate aus

Die Kreutzersonate.

In: Leo N. Tolstoi: Die Erzählungen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort, Anmerkungen und Zeittafel von Barbara Conrad. Band II. Späte Erzählungen 1886-1910. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2001; S. 115-222.

Posdnyschew, der Erzähler in der Erzählung, der seine Frau aus Eifersucht umgebracht hat, schildert im 13. Kapitel (S. 150 f.) den Hass zwischen den Eheleuten, der aus einem verfehlten Sexualleben entsprungen ist:

“Das Widerwärtige liegt ja darin […], daß die Liebe in der Theorie etwas Ideales, Erhabenes ist, inder Wirklichkeit aber ist die Liebe etwas Abscheuliches und Schweinisches, das man ohne Abscheu und Scham weder erwähnen noch denken kann.  […] Die Leute aber tun im Gegenteil so, als ob das Ekelhafte und Beschämende sehr schön und erhaben [150] sei. Was waren die ersten Anzeichen meiner Liebe? Daß ich mich einem tierischen Überfluß an körperlicher Kraft hingab, dessen ich mich nicht nur nicht schämte, sondern auf den ich aus irgendeinem Grund noch stolz war; dabei dachte ich nicht im geringstn weder an ihr geistiges noch an ihr körperliches Leben. Ich wunderte mich, woraus unsere Erbitterung gegeneinander entstanden war, und doch lag der Fall vollständig klar. Diese Erbitterung war nichts anderes als eine Auflehnung der menschlichen Natur gegen das Tierische, das sie erdrückt hatte.”

Tolstoi bezeichnet den ungezügelten Geschlechtsverkehr ohne Rücksicht auf Konzeption und Schwangerschaft als ein Verbrechen. Er fährt fort:

Ich habe mich über unsere gegenseitige Feindseligkeit gewundert, aber es konnte gar nicht anders sein. Diese Feinseligkeit war nichts anderes als der Haß, den Teilnehmer an einem Verbrechen gegeneinander empfinden, sowohl wegen der Verleitung als wegen der Mitschuld am Verbrechen. Und war es denn kein Verbrechen, wenn die Arme schon im ersten Monat schwanger wurde und unser unsauberes Verhältnis dennoch fortdauerte? […] Vor Gericht wurde ich gefragt, wie und womit ich meine Frau getötet habe. Die Narren! Sie denken, ich hätte sie damals, am fünften Oktober, mit dem Messer ermordet. Nicht damals habe ich sie ermordet; sondern viel früher. Genauso wie sie alle, alle jetzt morden…”

Tolstoi klagt die gesundheitsschädigende sexuelle Überforderung der Frau durch den Mann (in der Ehe) an, welche die “Naturgesetze” verletze:

“Die Frau muß, entgegen ihrer Natur, zugleich Schwangere und Geliebte, Amme und Geliebte sein; kein Tier läßt sich zu dergleichen herbei. Natürlich übersteigt das ihre Kräfte. Und daher haben wir in unseren Kreisen die Hysterie und die Nervenleiden und im Bauernstand die Fallsucht. Sie werden bemerken, daß die Fallsucht bei Bauernmädchen nicht vorkommt, nur bei Bauernfrauen, und zwar bei solchen, die mit den Männern leben. So ist es bie uns. Ganz ebenso ist es im übrigen Europa.”

Affenartiges Treiben als Liebe verstanden (S.152):

“Die Tiere paaren sich nur dann, wenn sie Nachkommenschaft erzeugen können, der unflätige Herr der Schöpfung dagegen — immerwährend, nur um seines Vergnügens willen. Und was richtet er im Namen dieser Liebe, das heißt seiner Gemeinheit, zugrunde? Die Hälfte des Menschengeschlechts. Aus allen Frauen, die an dem Streben der Menschheit nach Wahrheit und Glück mitarbeiten sollten, macht er um seines Vergnügens willen nicht Gehilfinnen, sondern Feindinnen. Sehen Sie doch, was den Fortschritt der Menschheit hemmt: die Frauen. Und weshalb sind sie so? Nur aus dem genannten Grund.”

Tolstoi zur “Emanzipation der Frau” — Knechtschaft trotz Gleichstellung (S. 154):

Die Knechtschaft der Frau besteht ja nur darin, daß die Männer sie als Genußmittel brauchen wollen und das als etwas sehr gutes ansehen. Nun, und da befreit man die Frau, erteilt ihr allerlei Rechte, die sie den Männern gleichstellen, aber man fährt fort, sie als Genußmittel zu betrachten und erzieht sie dementsprechend, sowohl in der Kindheit als auch durch die öffentliche Meinung. Und sie bleibt immer dieselbe niedrige, ausschweifende Sklavin und der Mann derselbe ausschweifende Sklavenhalter.”

Tolstois Lob der Jungfräulichkeit als rettendes Ideal (S. 154):

“Es kann nur dann anders werden, wenn die Frau den Zustand der Jungfräulichkeit als den höchsten anzusehen lernt, während sie diesen höchsten Zustand des Menschen jetzt als Schande und Schmach empfindet. Solange das nicht der Fall ist, bleibt das Ideal jedes Mädchens, gleichviel welche Erzeihung es genossen hat, doch nur das, möglichst viele Männer anzulocken, möglichst viele Männchen, um die Möglichkeit der Auswahl zu haben.”

Die unheilbare Ehehölle (S. 164):

“So […] waren wir zwei an dieselbe Kette geschmiedete Sträflinge, die einander haßten, sich das Leben vergifteten und sich bemühten, dies nicht zu sehen. Ich wußte damals noch nicht, daß neunundneunzig vom Hundert aller Ehegatten in genau derselben Hölle leben wie wir und daß es nicht anders sein kann.”

Die Eifersucht macht hellsichtig: Ein “elektrischer Strom” zwischen dem Geiger und der Ehefrau (S. 175):

“Ich sah, daß ihre Augen vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an einen besonderen Glanz bekamen, und infolge meiner Eifersucht stellte ich sogleich fest, daß zwischen ihm und ihr so etwas wie ein elektrischer Strom entstanden war, der bei beiden denselben Gesichtsausdruck und dasselbe Lächeln hervorrief.”

 

 

 

Anmerkung zu 49. Kap./7* (Karezza für die Sexualreform) — Was heißt Karezza?

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Matthias Wendt (nach der Selbstbeschreibung geb. 1966, sozialwissenschaftliches Studium), der Herausgeber des 1998 erschienenen Reprints von Stockham’s “Karezza” (dt.), liefert in seinem kurzen Nachwort eine treffende Umschreibung des Karezza-Begriffs (Zitat grammatikalisch leicht korrigiert): 

“Karezza ist ohne Furcht und Gier,

ist eine verstehende, liebkosende Berührung

im Geistigen, Seelischen und Körperlichen.”