Anmerkung zu 49. Kap./9* („Mischung von Erotik und Mystik“) — Gandhi und Leo Tolstoi im Briefwechsel (1910)

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Wenige Monate vor Leo Tolstois Tod entspann sich ein Briefwechsel zwischen ihm und Gandhi, dem damaligen Wortführer der unterdrückten Minderheit der Inder in Südafrika. Tolstoi unterstützte die Idee des gewaltfreien Widerstands und wurde wegen seiner pazifistischen und sozialkritischen Einstellung von Gandhi und seinen Anhängern verehrt, die sogar eine Tolstoi Farm als eine Art Landkommune einrichteten. 

Der Briefwechsel ist enthalten in:

Brief an einen Hindu. Taraknath Das, Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi. Hg. von Christian Bartolf. Berlin: Gandhi-Informationszentrum, 1997, S. 58-72.

In seinem letzten Brief an Gandhi vom 7. September 1910 schreibt Tolstoi:

Für ihn sei wichtig: “Das ist, daß, was man gewaltfreien Widerstand nennt, in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Ausübung der Liebe, unverstellt durch falsche Interpretation. Liebe ist die Bestrebung nach seelischer Kommunion (Vereinigung) und Solidarität mit anderen, und dies Bestrebung befreit stets die Quelle für vornehme Aktivitäten. Diese Liebe ist das höchste und einzigartige Gesetz des menschlichen Lebens, das jeder in der Tiefe seiner Seele empfindet. […] Dieses Gesetz der Liebe wurde von allen Philosophien vertreten — der indischen, chinesischen, jüdischen und römischen. Ich denke, daß es am klarsten von Christus zum Ausdruck gebracht worden ist, der sagte, daß in jenem Gesetz sowohl das Gesetz als auch die Propheten enthalten seien.” (S. 68 f.)

Die Beziehung Gandhi-Tolstoi  ist im Kontext einer weltweiten Bewegung für eine friedliche politische Emanzipation, soziale Gerechtigkeit und persönliche Freiheit im Rahmen eines respektvollen Umgang mit der Natur zu sehen. Diese Bewegung nahm auch Impulse der Lebensreform und des New Thought auf, die insbesondere in den USA eine gewisse Popularität erlangten. Hier wäre Tolstois Sympathie für die Karezza-Lehre der US-amerikanischen Frauenärztlin Alice B. Stockham zu erwähnen, die ihn sogar einmal in Russland besuchte.   

Dies alles ereignete sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs (und der Oktoberrevolution) und erinnert mich ein wenig an die ominöse Debatte der “Rosenkreuzer”-Anhänger am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648): Man spürt die heraufziehende Katastrophe und appelliert an eine vernünftige Menschenliebe.  

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