Anmerkung zu 45. Kap./6 * (Hierosgamos in der Moderne) — Camus’ “Ehebrecherin”

Dieser Beitrag bezieht sich auf meinen Magic of Nature Blog.

Iris Radis bemerkt zur sexuell empfundenen unio mystica mit der Natur, wie sie Albert Camus in der Erzählung “Die Ehebrecherin” beschreibt:

“Sie liegt rücklings auf der Erde, […] während der Himmel sich über sie breitet wie ein sanfter Liebhaber — der einzige Sexualakt im gesamten  Œuvre Camus’ vollzieht sich zwischen einer verheirateten Frau und dem Himmel über der Wüste. Anschließend legt ‘die Ehebrecherin’ sich wieder zu ihrem Mann und weint über das Leben, für das sie sich ‘zu dick, zu groß und zu weiß’ fühlt. Die Wüste gehört den Nomaden, nicht den französischen Ehefrauen.” 

Iris Radis: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 2014, S. 300.

Anmerkung vom 28.01.2018:

Paulo Coelho thematisiert in seinem Roman Elf Minuten (Zürich: Diogenes Verlag, 2003) die Kluft zwischen Sexualität und Liebe. Die Romanheldin Maria, eine junge Brasilianerin, arbeitet als Prostiutierte in der Schweiz. Sie erlebt beim Geschlechtsverkehr mit ihren Freiern keinen Orgasmus, bis sie sich schließlich in einen Schweizer Künstler verliebt, der in ihr das “innere Licht” sieht und sich seinerseits in sie verliebt. Kurzum: Es kommte zum Happy End. Die Liebe erweist sich darin, dass Maria Orgasmen mit ihrem Liebhaber erlebt, einmal sogar in seiner Abwesenheit, als sie nur an ihn denkt:

Sie dachte an Ralf, spürt wieder sein Begehren im Hotelzimmer, als sie nur ihren Oberkörper entblößt hatte, fühlte, wie seine Hände ihre Brüste,  ihr Geschlecht, ihr Gesicht berührten, und wurde naß. Sie blickte auf die riesige Wassersäule im See und hatte an Ort und Stelle, vor allen Leuten und ohne sich zu berühren, einen Orgasmus.

Niemand bemerkte es, dazu waren alle viel zu beschäftigt.

Bei Camus wie bei Coelho ist das Thema “Hierogamos” angeschnitten, bei Letzterem sogar in aller Ausführlichkeit. Beide behandeln das Thema recht unterschiedlich: Camus sieht die kosmische Dimension, Coelho verbleibt auf der interpersonellen, menschlichen Ebene. In einem Punkt sind sie sich jedoch ähnlich: Sie schätzen den  Orgasmus als Ausdruck einer unio mystica ein. Die Relativierung des Orgasmus durch bestimmte Sexualpraktiken wie die Karezza-Methode liegt offenbar außerhalb des Gesichtskreises der Autoren. Dies erstaunt vor allem bei Coelho, dem alchemistische und esoterische Stoffe sehr vertraut sind.  

 

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