Ernst Theodor Mayer über Albrecht Dürers “Melencolia I” – eine Mail zum Magic of Nature Blog: Anmerkung zu 42.Kap./1 * (Mond, Natura und Scientia)

Dieser Beitrag bezieht sich auf mein Magic of Nature Blog.

Am 15.08.2014 übersandte mir der Nervenarzt Dr. Ernst Theodor Mayer eine aufschlussreiche Mail mit einer sehr weitreichenden Interpretation der Abbildung, die ich mit Zustimmung des Verfassers hier veröffentliche. Angesichts der schwierigen Materie ist es mir im Augenblick nicht möglich, diese inhaltlich zu würdigen.

Sehr geehrter Herr Professor Schott,
in o.g. Blog vom 13. August 2013 las ich: “Eine weibliche Figur als Personifikation göttlichen Wissens, als Magierin im Einklang mit der Natur? Ich vermag in ihrer Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck keine „Verzweiflung“ erkennen, die man ihr immer wieder angedichtet hat.”
Ihnen als Autor dieser u.a. Melencolia § I – Betrachtung (wie ich mich habe versicheren können mittels des von Ihnen freundlich erwiderten Telephonanrufes ) möchte ich als Nervenarzt kollegialiter mitteilen, dass ich hier im Wesentlichen zustimme: Die Hauptfigur in Dürers B74-Kupferstich ist ‘prima facie‘ weder depressiv noch melancholisch. Es handelt sich vielmehr um Dürers Trauer-Reaktion. Die verkürzte Sonnenuhr- Skala zeigt mit der letzten Ziffer IIII die Todesstunde seiner Mutter an: “vm zwey gen nacht“ = 16 Uhr, wie von Dürer handschriftlich auf der Kohlezeichnung seiner Mutter vom 19.3.14 nachgetragen (s. attachierte erste Abbildung). Und der sog. Titulus, eintätowiert auf den an den Himmel gepinnten (exenterierten) Tierbalg, oben links: enthält keine Diagnose oder ist kein Temperamenten-Etikett, sondern das Anagramm für “Cameleon [Picos Gattungsbezeichnung für Mensch] = Gott “ – s. a. meinen spontanen Kommentar 2010 zum Melancholia-Beitrag der Freimaurer, denen ich nicht angehöre: http://freimaurer-wiki.de/index.php/Melencolia_%C2%A7_I

Abb. 1

 Abb. 1: Albrecht Dürer: Kohlezeichnung seiner Mutter

M.E. wurden von der vorherrschenden Warburg-Schule die christlich-humanistischen Implikationen von Dürers B74-Kupferstich weitgehend verdrängt, z.B. die zentrale Aufstiegs-Leiter” (ignote-ascendere (?) des Cusanus in ‘de visione Dei‘, einer siebensprossigen Leiter, deren Bedeutung schon W. Heckscher* aus der Warburg-Schule in seinen Träumen umgetrieben hat). Und der eckig in das Bild gekantete Eckstein hat einen ‘sakralen‘ Hexagon-Hexagramm-Grundriss (lapis in via eiectus?) – s.a.: http://www.youtube.com/watch?v=sIGOhrWmLN0

Die von Dürer für seinen Illuminatio-Stich gewählten Lichtverhältnisse [nicht zuletzt in Auslegung von 1. Korinther 13, 12: “per speculum et enigmate“] entsprechen m. E. dem ‘überlichten Dunkel‘ des Pseudodionysius Areopagita (um 500 n.Chr.) in der Ausführung des Nikolaus v. Kues in “de visione Dei“ von 1453, die Dürer auch mithilfe von Pirckheimer gelesen hat: Mondlicht, Mondregenbogen u. niederstürzender Meteor (bei einem Kometen wären immer auch noch andere Sterne zu sehen). Ausserdem ist Melencolia § I
die mittlere Stufe der von Bonaventura in “de triplici via”, 1263, näher ausgeführten Vorstellung vom Drei-Stufen-Weg zu Gott des schon genannten Pseudodionysius Areopagita.
Vor allem sind wichtige geometrische, numerologische und gematrische Befunde im B74-Kupferstich zu erheben, die einer oberflächlichen Betrachtung entgehen, insbesondere beim Hinein-Lesen von “Genie und Wahnsinn” oder einer “nobilitierten Melancholie“ (gem. Problema XXX,1 des Aristoteles-Schülers Theophrast). Im 3. Buch seiner 6 Monate nach Dürers Tod im Oktober 1528 erschienenen Proportionslehre steht auf der Rückseite von T II (verso):…“ dan lügen ist in unsrer erkantnus /und steckt die finsternus so
hart in uns das auch unser nachdappen felt/welcher aber mit Geometria sein ding beweyst/und die gründliche warheyt anzeygt,dem sol alle welt glauben/…”- dieser Dürer-Devise bin ich bei meinen Interpretations-Versuchen gefolgt – s. auch die 2. attachierte Abb.  [siehe unten – H. S]
Mit den besten Empfehlungen
Ihr
Ernst Theodor Mayer

Abb. 2

Abb. 2: 2 x ein 17Stern – Dürer und die 17

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* Wilhelm Heckscher protokollierte in seinem Tagebuch Princeton und Iowa 1946-1952 nicht nur seine eigenen Träume, sondern auch die von Panofsky……. Er selbst traf Dürer in einem seiner Träume von einem Besuch mit seiner Frau in der Lorenzkirche in Nürnberg, wie dieser fleißig an einer monumentalen Fassung seiner Melencolia I malte.. und fragte ihn: „Was wollen‘s denn halt mit der siebensprossigen Leiter, guter Meister ?“ Bei der Antwort habe Dürer die Schultern angehoben und gesagt: “ Da müssen‘s halt den Heckscher fragen.“ s.a. Fußnote 24 [In : Charlotte Schoell-Glas und Elizabeth Sears: Verzetteln als Methode – Der humanistische Ikonologe William S. Heckscher (1904-1999), Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte VI, 2008, Anm. auf Seite 107]

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